Rabindranath Tagore (* 7. Mai 1861)

Ich ging als Bettler von Tür zu Türe am Dorfweg. Da erschien in der Ferne dein goldner Wagen, wie schimmernder Traum, und ich wunderte mich, wer dieser König der Könige sei.

Meine Hoffnung stieg hoch, und mir deuchten die schlimmen Tage vorbei, ich stand Almosen erwartend, die ungebeten verschenkt, und Reichtum, rings in den Staub geschüttet.

Der Wagen hielt, wo ich stand. Dein Blick fiel auf mich, du stiegst nieder mit Lächeln. Ich fühlte, das Glück meines Lebens sei endlich gekommen. Da plötzlich strecktest du deine Rechte aus und sprachst: »Was hast du mir zu geben?

O welch ein Königsscherz wars, die Hand zu öffnen, dem Bettler zu betteln! Ich war verwirrt, stand unentschlossen, und aus dem Quersack nahm ich langsam das kleinste Korn und gab es dir.

Doch wie groß mein Erstaunen, als am Ende des Tages den Sack ich geleert auf dem Boden, zuletzt ein kleines Korn von Gold unter dem armen Haufen zu finden. Und bitterlich weint ich und wünschte, ich hätte das Herz gehabt, dir mein Alles zu geben.

Rabindranath Tagore, Dichter und Philosoph, erhielt 1913 für Gitanjali den Nobelpreis für Literatur.

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2 Gedanken zu „Rabindranath Tagore (* 7. Mai 1861)

  1. Ja, wenn man das vorher wüsste, wäre es einfach. Ich finde, ZU einfach. Dann wäre das Leben kein Geheimnis mehr.
    Aber nehmen wir an, ich weiß, dass es mindestens einmal im Leben so passiert. Aber ich weiß nicht wann und in welcher Situation. Wäre ich dennoch bereit, stets mein Alles zu geben?

    Danke für diese Geschichte. Sie gibt mir sehr zu denken.

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