Freispruch für die ‚Raytheon Nine‘

Am 11. Juni haben in Belfast die sogenannten Raytheon 9 einen wichtigen Sieg für die irische Friedensbewegung errungen. An diesem Tag wurden die neun Männer – Colm Bryce, Gary Donnelly, Kieran Gallagher, Michael Gallagher, Sean Heaton, James Kelly, Eamon McCann, Patrick McDaid und Eamonn O’Donnell -, die am 9. August 2006 in der Stadt Derry die Räumlichkeiten des US-Rüstungsunternehmens Raytheon gestürmt, sich darin acht Stunden lang verbarrikadiert und in dieser Zeit die Computer der Firma demoliert und aus den Fenstern geworfen hatten, von einem Schöffengericht vom Vorwurf des Hausfriedensbruchs und der kriminellen Sachbeschädigung freigesprochen. Und das, obwohl sich die Beschuldigten zu den ihnen zu Last gelegten Taten bekannten. Der Freispruch für die Raytheon 9 erfolgte deshalb, weil sie nach Meinung der Jury haben glaubhaft geltend machen können, daß ihr Handeln dazu gedacht war, noch größeres Unheil, nämlich Kriegsverbrechen in Form des Tötens von Zivilisten zu vermeiden.

Anlaß zur Erstürmung der Raytheon-Büros in der nordirischen Stadt Derry waren die Ereignisse des Libanon-Krieges, insbesondere der Raketenangriff der israelischen Luftwaffe auf das südlibanesische Dorf Kana am 30. Juli 2006, der 28 Zivilisten, die meisten von ihnen Frauen und Kindern, das Leben kostete. Als die Derry Anti-War Coalition (DAWC) am 2. August ein Treffen abhielt, bei dem Joshua Casteel, ein ehemaliger Vernehmungsspezialist der US-Armee in Abu Ghraib, und der irakische Anwalt Hani Lazim, über die Lage im Zweistromland berichten sollten, schockierten die Fernsehbilder der Bergung der Leichen in Kana die ganze Welt. Seit 1999, sozusagen im Zuge des nordirischen Friedensprozesses, betreibt Raytheon in Derry Software-Entwicklung. Da Raytheon nicht nur einer der größten Waffenfabrikanten, sondern im Bereich Raketen Marktführer ist, hat die DWAC zu recht vermutet, daß das Unternehmen an dem tragischen Vorfall von Kana beteiligt war, und sich deshalb entschlossen, dagegen ein öffentliches Protestzeichen zu setzen (Tatsächlich stellte sich später heraus, daß die Rakete, mit der die israelische Luftwaffe das Massaker von Kana anrichtete, ein 500 Kilogramm schwerer Bunkerknacker der Marke Paveway aus der Raytheon-Produktion war).

In Irland und darüber hinaus hatten der Vorfall und die anschließende gerichtliche Auseinandersetzung großes Aufsehen erregt. Als Anfang Mai der Prozeß gegen die Raytheon 9 eröffnet wurde, verlegte der zuständige Richter das Verfahren von Derry nach Belfast und verhängte eine Nachrichtensperre. Als Grund wurde die Angst vor Einschüchterung bzw. Beeinflussung der Jury-Mitglieder genannt. Die Maßnahmen halfen der Anklage wenig. Den Beschuldigten gelang es darzustellen, wie sehr die Ereignisse in Südlibanon sie erschüttert hatten und daß sie bei ihrem ungesetzlichen Handeln lediglich von dem Wunsch beseelt waren, durch öffentlichen Protest mehr menschliches Leid zu verhindern.

Mit der Aktion wollte die DAWC unter anderem erneut darauf aufmerksam machen, daß über den internationalen Flughafen Shannon an der irischen Westküste ein Gutteil des Nachschubs für das US-Militär im Nahen Osten – und vermutlich auch für dessen Verbündeten Israel – rollt. Gegen die Verwendung von Shannon durch das Pentagon unter dem Vorwand des „globalen Antiterrorkrieges“ läuft die irische Friedensbewegung seit Jahren Sturm. Schließlich ist die Republik Irland ein neutrales Land und gehört nicht der NATO an. Bereits im Juli 2006 waren fünf katholische Friedensaktivisten der Gruppe „Pitstop Ploughshares“ von einem Schöffengericht in Dublin freigesprochen worden, die im Februar 2003 auf dem Rollfeld von Shannon mit Hammer und anderen Werkzeugen 2,5 Millionen Dollar Schaden an einer Transportmaschine der US-Marine vom Typ C-40A, die gerade aufgetankt wurde, angerichtet hatten. Die Catholic Worker 5 um Mary Kelly hatten zu ihrer Verteidigung geltend gemacht, sie hätten damals den drohenden anglo-amerikanischen Überfall auf den Irak und damit einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verhindern wollen.

Nach dem für die Raytheon 9 glücklichen Ausgang des Prozesses in Belfast widmete vor versammelter Presse der freigesprochene Colm Bryce das Urteil den Angehörigen der Getöteten von Kana. „Dieses Gericht hat befunden, meine ich, daß Raytheon sich schuldig gemacht hat, Kriegsverbrechen im Nahen Osten begünstigt zu haben und wir sehen das, was wir gemacht haben, nachträglich legitimiert.“ Die meisten Worte auf der improvisierten Pressekonferenz fand der berühmte Journalist Eamon McCann, der sich seit mehr als vierzig Jahren für Frieden und soziale Gerechtigkeit in Irland einsetzt. Der aus Derry stammende Sozialist, der eine regelmäßige Kolumne für den Belfast Telegraph und die irische Musikzeitschrift Hot Press schreibt, hatte die Erstürmung der Raytheons angeführt und war in diesem Zusammenhang schuldig gesprochen worden, zwei CDs mit Informationen aus den Büros der Rüstungsfirma entwendet zu haben. Dafür hatte er am 11. Juni eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten auf Bewährung bekommen.

Trotz dieses kleinen Schönheitsflecks sah McCann sich selbst und seine acht Mitstreiter durch den Freispruch in den anderen Anklagepunkten als „rehabilitiert“. Er rief die Politiker und die Bürger von Derry dazu auf, „unmißverständlich zu erklären, daß Raytheon in unserer Stadt nicht willkommen ist“. „Wir haben das, was wir gemacht haben, weder bestritten, noch haben wir uns dafür entschuldigt. Nach meinem persönlichen Dafürhalten, und ich glaube ich spreche für uns alle, wenn ich sage, daß es die beste Sache gewesen ist, die ich jemals in meinem Leben getan habe“, so McCann. Das will was heißen aus dem Mund eines Mannes, der in den sechziger Jahren die nordirische Bürgerrechtsbewegung angeführt hat.

Quelle: http://www.schattenblick.de

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