Die ewige Wahrheit

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Es sollte die wichtigste Konferenz aller Zeiten werden. Dazu hatte man die klügsten Gelehrten, die besten Wissenschaftler*innen und die Weisen aller Religionen der Welt eingeladen. Man wollte sich über die grundlegenden Wahrheiten der Existenz austauschen und feststellen, was universell, überall auf der Welt wahr und richtig sei.
Aber bereits am zweiten Tag war die Situation zum Verzweifeln: Statt ewige Wahrheiten zu formulieren gab es heftige Dispute, kleingeistige Scharmützel und endlose Streitereien unter den Gelehrten.
So wurde eine kleine Pause ausgerufen und die ganze Gesellschaft ging hinaus durch den wunderschönen Palmengarten, der an das Konferenzzentrum angrenzte, und sie blickten auf das Meer, das vor ihnen lag.
Am Strand sahen sie eine alte Frau. Sie hatte vor ihrer Hütte ein Loch gegraben hatte und lief nun mit einer Schale immer wieder zum Ozean, um Wasser zu schöpfte und in das Loch zu füllen. Die Gelehrten machten sich über die Frau lustig und einer von ihnen fragte sie, was sie denn da tue.
„Ich will, dass das Meer hier in meinem Loch ist, dann habe ich es näher an meiner Hütte. Und dann gehört das Meer alleine mir.“
„Was für eine Narretei! Siehst Du denn nicht, dass das unmöglich ist“, erwiderte belustigt ein anderer der Gelehrten, „es ist unmöglich, nur einen Bruchteil dieses unendlichen Ozeans hier in Dein Loch zu bringen.“
„Ja, wahrscheinlich habt ihr recht. Ihr scheint klug zu sein“, sagte die alte Frau ruhig und blickte dem Mann offen in die Augen. „Aber wie kommt es dann, dass ihr euch einbildet, die großen Geheimnisse des Universums mit eurem winzigen Geist erfassen zu können.“

Du kannst eine Muschel ans Ohr führen und das Rauschen, das Du hörst, für das Meer halten – aber ist dies wirklich der Ozean?
Die ewige Wahrheit passt ebenso wenig in unseren Kopf, wie der Ozean in eine Muschel passt.

Die drei Siebe

SiebeSokrates wurde einst von einem Bekannten aufgesucht:
„Höre, Sokrates, ich muss dir erzählen, wie dein Freund….“
„Stopp, stopp“, unterbricht ihn der Philosoph. „Hast du zuvor das, was du mir sagen willst, mit den drei Siebe gefiltert?“
„Drei Siebe? Was meinst Du damit?“, fragt der andere verwundert.
„Ja, drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit:
Hast du geprüft, ob das, was du mir erzählen willst, tatsächlich wahr ist?“
„Nein, ich hörte es erzählen, und…“
„Nun, so hast du aber sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft: Ist das, was du mir berichten willst – wenn es schon nicht wahr ist – wenigstens gut?“
Der andere zögert. „Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil…..“
„Nun“, unterbricht ihn Sokrates. „so wollen wir noch das dritte Sieb der Notwendigkeit nehmen und uns fragen, ob es wirklich wichtig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint.“
„Also notwendig gerade nicht unbedingt….“
„Nun denn“, lächelt der Weise, „wenn das, was du mir eben sagen wolltest, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so begraben es bitte und belaste weder dich noch mich damit.“

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Das Wesentliche

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Ein Löwe geriet in Gefangenschaft und wurde in ein Lager gebracht, wo er zu seinem Erstaunen noch andere Löwen antraf, die schon jahrelang dort waren, einige sogar ihr ganzes Leben, denn sie waren dort geboren. Er lernte bald die sozialen Betätigungen der Lagerlöwen kennen. Fast alle schlossen sich in Gruppen zusammen. Eine Gruppe bestand aus den Gesellschaftslöwen, die schauten, dass das Leben Spaß machte. Eine andere Gruppe war im Showgeschäft – sie versuchten sich gegenseitig zu imponieren; wieder eine andere betätigte sich kulturell, um die Bräuche, die Traditionen und die Geschichte jener Zeiten zu bewahren, als die Löwen in Freiheit lebten. Andere Gruppen waren visionär gestimmt, sie kamen zusammen, um zu Herzen gehende Lieder zu singen von einem künftigen Dschungel ohne Zäune. Es gab auch eine revolutionäre Gruppe, die traf sich, um sich gegen ihre Wärter zu verschwören oder gegen andere revolutionäre Gruppen Pläne zu schmieden. Ab und zu brach eine Revolte aus, einige Gruppen wurden dabei ausgelöscht oder alle Wärter wurden umgebracht und durch andere ersetzt.

Wie sich der Neuankömmling so umsah, bemerkte er schließlich einen Löwen, der stets tief in Gedanken versunken schien, ein Einzelgänger, der keiner Gruppe angehörte. Er hielt sich meistens von allen fern. Es war etwas Seltsames um ihn, das sowohl die Bewunderung der anderen hervorrief, aber auch ihre Feindseligkeit, denn seine Gegenwart erzeugte Angst und Selbstzweifel. Er sagte zu dem Neuankömmling:

„Schließ dich keiner Gruppe an. Diese armen Narren kümmern sich um alles, bloß nicht um das Wesentliche“.

„Und was ist das Wesentliche?“ fragt der Neuankömmling.
„Das Wesentliche“, sagte der Löwe, „ist, über die Art des Zaunes nachzudenken.“

Quelle: Hypno-Fortbildung 2012

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When God was a Rabbit

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„Later, as my mother entered my room to say good night, I sat up and said, ‘Nancy’s in love with you.’

‘And I’m in love with her.’
‘But what about Dad?’
She smiled. ‘I’m in love with him too.’
‘Oh. Is that allowed?’
She laughed and said, ‘For a child of the sixties, Elly . . .’
‘I know. Bit of a letdown.’
‘Never,’ she said. ‘Never. I love them differently, that’s all. I don’t sleep with Nancy.’
‘Oh God, I don’t need to know that.’
‘Yes you do. We play by our own rules, Elly, always have. That’s all we can do. For us it works.’
And she leant over and kissed me good night.“

Die Zeile „We play by our own rules…“ finde ich soooo sympathisch. Und wichtig. (Bin mir nicht sicher, ob sie damit nur sich und Nancy meint, oder ihre ganze Familie.)
Ich finde, wir sollten alle nach unseren eigenen Regeln spielen. Und wenn nötig, die Regeln immer wieder neu miteinander abgleichen und ggf. verhandeln.

Aus einem sehr berührendem Roman von  Sarah Winman. Feinfühlig beschriebene Charaktere und viele zauberhafte Erzählstränge.
Text hier leider nur auf Englisch, gibt’s aber auch auf Deutsch „Als Gott ein Kaninchen war„.

P.S.: Deutsche Übersetzung findet sich im Kommentar. Danke an Viola!

Die drei Ausgaben der Sutras

Tetsugen, ein Zen-Gläubiger in Japan, entschloss sich, Sutras zu veröffentlichen, die zu jener Zeit nur in chinesischer Sprache erhältlich waren. Die Bücher sollten mit Holzblöcken in einer Auflage von siebentausend Abzügen gedruckt werden, und dies war ein gewaltiges Unterfangen.

Tetsugen begann herumzureisen und Spenden für diesen Zweck zu sammeln. Einige Sympathisanten gaben ihm hundert Goldstücke, doch zumeist erhielt er nur kleine Münzen. Er erwies jedem Spender dieselbe Dankbarkeit. Nach zehn Jahren hatte Tetsugen genügend Geld, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Zu dieser Zeit trat plötzlich der Uji-Fluss über die Ufer, und eine Hungersnot brach aus. Tetsugen nahm den Betrag, den er für die Bücher gesammelt hatte, und gab ihn her, um andere vor dem Hungertod zu bewahren. Dann begann er wieder mit seiner Tätigkeit des Sammelns.

Einige Jahre danach überfiel eine Epidemie das Land. Tetsugen gab wieder her, was er gesammelt hatte, um seinem Volk zu helfen.

Ein drittes Mal begann er mit seiner Arbeit, und nach zwanzig Jahren wurde sein Wunsch erfüllt. Die Druckstöcke, mit denen die erste Ausgabe der Sutras hergestellt wurde, kann man noch heute im Obaku-Kloster in Kioto sehen.
Die Japaner erzählen ihren Kindern, dass Tetsugen drei Ausgaben der Sutras hergestellt habe und dass die ersten zwei unsichtbaren noch besser seien als die letzte.

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Fahne im Wind

Fahne im Wind

Zwei Zenschüler betrachteten eine Fahne, die im Wind flatterte, und diskutierten darüber.
„Es ist die Fahne, die sich bewegt“, sagte der eine.
„Nein, du hast Unrecht“, sagte der andere. „Es ist der Wind, der sich bewegt“.
Ein Meister, der den Streit mit angehört hatte, näherte sich den Schülern
und sagte: „Ihr habt beide unrecht. Es ist euer Geist, der sich bewegt.“

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