Wer weiß, wozu es gut ist …

PferdeDer alte Mann und sein Pferd

Ein alter Mann lebte in einem Dorf, er war sehr arm, aber er besaß ein wunderschönes Pferd. Immer wieder bot man ihm große Summen für das Pferd, aber der Mann sagte stets: „Dieses Pferd ist für mich kein Pferd, sondern ein Freund. Und wie könnte man einen Freund verkaufen?“
Der Mann war arm, aber sein Pferd verkaufte er nie.

Eines Morgens war sein Pferd verschwunden. Das ganze Dorf versammelte sich, und die Leute sagten: „Du armer Mann! Welch ein Unglück! Hättest du doch das Pferd nur verkauft. Jetzt hast du gar nichts mehr.“
Der Alte sagte: „Geht nicht so weit, das zu sagen. Sagt einfach: Das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache; alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen, weiß ich nicht, sehe ich doch nur ein Bruchstück des Ganzen. Wer weiß, wozu es gut sein mag?“
Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bißchen verrückt war. Aber nach einigen Tagen kehrte tatsächlich das Pferd zurück. Und nicht nur das, es brachte auch noch ein Dutzend wilder Pferde mit.

Wieder versammelten sich die Leute, und sie sagten: „Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen erwiesen.“
Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: Das Pferd ist zurück. Wer weiß, ob das ein Segen ist oder nicht? Es ist nur ein Bruchstück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz – wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“
Dieses Mal wussten die Leute nicht viel einzuwenden, aber innerlich dachten sie, dass der Alte unrecht hatte. Zwölf herrliche Pferde waren gekommen.

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn, und dieser begann, die Wildpferde zuzureiten. Am nächsten Tag fiel er von einem der Pferde und brach sich beide Beine. Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie: „Wieder hattest du recht! Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen, er war die einzige Stütze deines Alters, und die Ernte steht bevor. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“
Der Alte antwortete: „Ihr seid besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist.

Kurze Zeit später ergab es sich, dass der König des Landes einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war von Klagen und Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, dass die meisten der jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden.
Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann – es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind für immer fort.“

Doch wieder antwortete der Alte: „Ihr hört nicht auf zu urteilen. Sagt nur dies: dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat, und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur das Ganze weiß, ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

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Fahne im Wind

Fahne im Wind

Zwei Zenschüler betrachteten eine Fahne, die im Wind flatterte, und diskutierten darüber.
„Es ist die Fahne, die sich bewegt“, sagte der eine.
„Nein, du hast Unrecht“, sagte der andere. „Es ist der Wind, der sich bewegt“.
Ein Meister, der den Streit mit angehört hatte, näherte sich den Schülern
und sagte: „Ihr habt beide unrecht. Es ist euer Geist, der sich bewegt.“

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